„Die Lücke zwischen Smartphone- und Spiegelreflex-Kameras schließt sich“

Interview Auszug von Simon Hurtz mit Kevin Abosch // Süddeutsche Zeitung vom 13.Dezember 2018.

Vor zehn Jahren war die Aufteilung klar: Handys zum Telefonieren, Kameras zum Fotografieren. Doch moderne Smartphones machen klassischen Kameras das Leben schwer. Für viele Menschen reicht die Qualität der Handyfotos völlig aus. Und für Profis? Der irische Starfotograf Kevin Abosch, dessen berühmtes Porträt einer Kartoffel für eine Million Dollar verkauft wurde, hat dem Smartphone-Hersteller Oneplus geholfen, die Kameras seiner Geräte zu entwickeln. Im Interview erzählt er, wie Instagram seine Arbeit verändert, und gibt Smartphone-Fotografen Tipps, wie sie am meisten aus ihrer Kamera herausholen.

SZ: Mit modernen Smartphones kann fast jeder ein technisch nahezu perfektes Foto schießen, weil das Bild automatisch optimiert wird. Machen Sie sich Sorgen um den Beruf des Fotografen?

Kevin Abosch: Ich weiß nicht, wie ein perfektes Foto aussieht. Vielleicht sind alle Bilder vollkommen unvollkommen. Trotz feinster Optik, empfindlichsten Sensoren und innovativer Bildverarbeitung ist es letztlich der Mensch, der den Auslöser betätigt und der unzählige Elemente außerhalb des Bereichs der Kamera steuert. Diese Entscheidungen werden sowohl bewusst als auch unbewusst gefällt und stellen sicher, dass die Menschheit selbst Teil des fotografischen Gleichgewichts ist. Warum sollte sich ein professioneller Fotograf Sorgen machen?

Wie haben Smartphones und Instagram die Arbeit von professionellen Fotografen verändert?

Mit dem Smartphone haben Nutzer ein tief greifendes und sinnvolles Mittel zur Verfügung. Viele Fotografen haben nur eine Smartphone-Kamera, mit der sie arbeiten, und mit der sie beeindruckende Arbeiten produzieren. Instagram hat sich als effektiver Weg erwiesen, um ein globales Publikum zu erreichen. Noch interessanter für mich ist, wie es die Ästhetik der Menschen beeinflusst und formt. Wenn Sie Zehntausende Ihrer besten Freunde sehen, die denselben „coolen“ Filter verwenden, den Sie bereits verwendet haben, ist er nicht mehr so cool. Diese Landschaft mit den aufgebauschten Wolken war einmal „fantastisch“, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir ständig eine ähnliche Landschaft von irgendwo auf der Welt sehen. Technologie hat einen tief greifenden Einfluss darauf, wie wir Fotos heute sehen – und wie wir dasselbe Bild morgen beurteilen.

Vor fünf Jahren war der Unterschied zwischen Spiegelreflex- und Smartphone-Fotos auf den ersten Blick ersichtlich. Heute gibt es manche Motive, bei denen Handyfotos fast mit professionellen Aufnahmen mithalten können. Braucht es in fünf Jahren überhaupt noch große, schwere Profikameras?

Bei der Geschwindigkeit, mit der sich Kameras und Computer-Fotografie weiterentwickeln, glaube ich, dass innerhalb von fünf Jahren kaum noch eine schwere DSLR-Spiegelreflexkamera nötig sein wird.

Für welche Motive und Lichtbedingungen eignen sich Smartphones besonders gut, und wofür benötigt man auch 2018 noch eine richtige Kamera?

Smartphone-Kameras liefern aufgrund der relativ geringen Größe ihrer Sensoren bei guten Lichtbedingungen die besten Ergebnisse. Ich benutze mein Smartphone aber wie die meisten Leute für den Großteil meiner Fotos, und ich bereue es später nicht.

Könnte man Aufnahmen wie Potato #345 oder Ihre Porträt-Serien in vergleichbarer Qualität mit einem Smartphone machen?

Ich habe kürzlich ein Porträt des Präsidenten von Qualcomm mit einem Oneplus 6T und einem LED-Lichtpanel aufgenommen. Die Ergebnisse waren fast nicht von Bildern zu unterscheiden, die ich mit einer DSLR gemacht habe. Die Lücke zwischen Smartphone- und Spiegelreflex-Kameras schließt sich.

Ist ein Profi-Fotograf, der mit einer 10 000-Euro-Kamera atemberaubende Aufnahmen macht, automatisch auch ein guter Smartphone-Fotograf?

Ich würde sagen, nicht unbedingt. Man darf die Bedeutung der Beziehung eines Fotografen zu einem bestimmten Gerät nicht unterschätzen. Wenn das Nutzererlebnis nicht reibungslos abläuft, kann dies problematisch sein. Es kann einige Zeit dauern, sich mit einem neuen Gerät vertraut zu machen.

Zum Originalartikel:

https://www.sueddeutsche.de/digital/smartphones-fotografen-instagram-kameras-1.4249917